Schüler zu fördern heißt Nachwuchs für den Mittelstand schaffen

Ein Gastkommentar von Dr. Walter Emberger, Gründer von Teach For Austria; Sepember 2016

In diesem Beitrag möchte ich zeigen, wie wichtig es ist, über den Rand des eigenen Tellers zu schauen und auch jene Kinder zu fördern, die aus ‚sozial benachteiligten‘ – und damit fast immer auch bildungsschwächeren – Familien kommen. Wir brauchen Nachwuchs für den Mittelstand in Gesellschaft und Wirtschaft, sonst ist die Suppe oben zu dick und unten zu dünn. Definieren wir für diesen Beitrag den Mittelstand grob so: wirtschaftlich gesehen als KMU, also Unternehmen mit 10 bis 250 MitarbeiterInnen, und gesellschaftlich als „in der Mitte“, also nicht im armen oder reichen Prekariat angesiedelt. Kurz gesagt jemand, der sein Geld mit Arbeit verdienen muss und auch Arbeit hat.

Die Wahrheit über unsere Schulbildung
Österreichs gute Schüler schneiden im internationalen Vergleich gut ab, hier sind wir gleichauf mit anderen reichen Ländern. Österreichs schlechte Schüler, diejenigen im untersten Viertel der Leistungsvergleiche, können nicht mithalten mit vergleichbaren Ländern, sie schneiden so schlecht ab wie die schlechtesten Schüler in Bulgarien, Rumänien oder Mexiko. Das sind jene jungen Menschen, die am Ende ihrer Pflichtschulzeit, also mit 15 Jahren, nicht sinnerfassend lesen können, die Grundrechnungsarten nicht beherrschen, und es mit ihrem Zeugnis – und Können – nicht in eine weiterführende Schule oder in eine Lehre schaffen, deren Schulabschluss also die Pflichtschule ist. Diese Gruppe war immer schon die am höchsten von Arbeitslosigkeit betroffene. Während vor 25 Jahren noch jeder Elfte arbeitslos war, ist es inzwischen jeder Vierte, in Wien jeder Dritte! Während auf der einen Seite die Unternehmen Lehrplätze nicht adäquat besetzen können, weil viele junge Menschen in der Schule – und Familie – nicht vorbereitet wurden, stehen auf der anderen Seite wir viele junge Menschen, die den Sprung in den Arbeitsmarkt aufgrund ihrer schlechten Vorbildung erst gar nicht schaffen: Menschen die sich ausgeschlossen fühlen von der Gesellschaft, von ihren wirtschaftlichen und politischen Prozessen.

Brauchen wir: Freude am Lernen, Durchhaltevermögen, Initiative, kritisches Denken
Wir können das nicht als gegeben, als unveränderbar hinnehmen. Jeder junge Mensch in Österreich sollte die bestmöglichen Ausbildungschancen erhalten. Egal in welches Milieu er geboren wurde. Das ist möglich, und es ist notwendig, allein schon um Österreich im globalen Wettbewerb vorne dabei zu halten. Unsere Zukunft wird in den Klassenzimmern mitentschieden, auch in jenen Klassenzimmern, in denen die Kinder aus bildungsfernen Schichten sitzen. Jeder von uns hat erlebt, wie entscheidend ein toller, engagierter Lehrer für unsere Entwicklung ist. Lehrer ist eine Schlüsselaufgabe in der Gesellschaft, die Anforderungen sind enorm, und man sollte Lehrer auch genauso aussuchen wie Unternehmen ihre Schlüsselkräfte aussuchen. Teach For Austria macht das, wir rekrutieren besonders engagierte und pädagogisch geeignete junge Hochschulabsolventen und Young Professionals, die nicht das Lehramt gemacht haben. Sie werden ausgebildet und gehen für zwei Jahre in die sozial am stärksten belasteten Schulen, das sind Neue Mittelschulen, also Hauptschulen, und Polytechnische Schulen in der Stadt. Diese ‚Fellows‘ unterrichten mindestens zwei Jahre lang als vollwertige Lehrpersonen. Ihr Ziel ist es, jungen Menschen aus benachteiligten Schichten zu fordern und zu fördern, so dass sie am Ende ihrer Pflichtschulzeit vorbereitet sind, um ein erfülltes, selbstbestimmtes Leben zu führen.
Neben den akademischen Kompetenzen – Grundrechenarten, Lesen und Schreiben, Allgemeinbildung – haben TFA-Fellows auch die persönlichen und die berufsbezogenen Kompetenzen ihrer Schüler im Blickpunkt. Persönliche Kompetenzen sind beispielsweise Freude am Lernen, Durchhaltevermögen, Initiative, kritisches Denken, Arbeitsmoral und soziale Fertigkeiten. Zu den berufsbezogenen Kompetenzen zählen wir das Wissen über Bildungswege und wie man dorthin gelangt, die ‚Digital Literacy‘ und die Fähigkeit, sich in der Gesellschaft zu bewegen.

Nachwuchs für den Mittelstand
Große Unternehmen verfügen über ausreichend Mittel, um junge Leute, die diese Kompetenzen aus der Schule nicht mitbringen, weiter zu entwickeln und die Defizite auszugleichen. Mittelständische Unternehmen verfügen über diese Ressourcen nicht. Sie müssen sich auf gut vorbereitete Leute verlassen, und wenn sie diese nicht finden, können sie die entsprechenden Stellen nicht besetzen. Jeder junge Mensch, der gut vorbereitet aus der Pflichtschule kommt, kann sich als Gewinn für den Mittelstand darstellen, und er oder sie wird dort gebraucht, kann sich eine gute Existenz aufbauen, stärkt also den gesellschaftlichen Mittelstand. Nebenbei kann er Steuern und Sozialversicherungsbeiträge zahlen, was den Staat freut. Es profitieren also alle. Deshalb empfehle ich ganz nach dem Erfolgsprinzip des Mittelstands: Reden und streiten wir nicht lange darüber, tun wir es!

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