Neue Erfolgsmodelle für KMU: Coworking und Crowdfinanzierung

Wieso KMU vermehrt und gemeinsam auf zukunftsweisende Arbeitsstätten- und Finanzierungs-Modelle setzen
Ein richtungweisender Beitrag von Ing. Mag. Werner Groiß (Abgeordneter zum Nationalrat)

Was haben Coworking und Crowdfinanzierung gemeinsam? Sie haben sich in den letzten zehn Jahren von der Wahrnehmbarkeits-Schwelle zu mittlerweile etablierten Unternehmensstandort- bzw. finanzierungsalternativen insbesondere bei Neugründungen und bei kleinen Unternehmen entwickelt. Beide lassen sind auch weiterhin sehr starke Wachstumsraten zu erwarten. Weltweit werden 2017 etwa 13.800 Coworkingspaces mit knapp 1,2 Millionen Nutzern erwartet. Als Unternehmer und Politiker versuche ich diese beiden zukunftsweisenden Tätigkeiten zum Wohle meiner Region zu verbinden.

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Coworking ist wesentlich mehr als nur eine möglichst billige Vermietung von Arbeitsplätzen. Offenheit, Kooperation, Nachhaltigkeit, Gemeinschaft und Zugänglichkeit sind Grundwerte, die jeweils in unterschiedlicher Ausprägung allen Coworking Spaces eigen ist. Die Differenzierung, aber auch die Bindungsqualität und das Wohlbefinden liegt in der Community.

Selbst „fleissige Arbeiter“ können nicht ununterbrochen stundenlang „produktiv“ sein, Arbeitsmediziner empfehlen die 20-20-20 Regel: „Every 20 minutes, walk 20 feet away for 20 seconds or more. Stop by a co-worker’s desk. Get a cup of coffee. Pace. Just don’t sit.“ Diese Pausen können im Coworking Space ideal zum Networking genutzt werden – durch’s Reden kommen d’Leut‘ z‘samm.

Im Wiener Café war es durchaus üblich, bei einer Melange den ganzen Tag – und oftmals auch Abend – dort zu verbringen. Gemäß Friedrich Torbergs Werken waren die Kaffeehäuser bevölkert von Gelehrten, Künstlern und Autoren. Sie lebten quasi in Kaffeehäusern. Dort malten, zeichneten und schrieben sie, dort trafen sie sich und arbeiten oftmals gemeinsam an ihren Projekten. Die Kaffeehaus-Bohemiens der Jahrhundertwende waren die Vorfahren der „digitalen Bohème“, die heute weltweit die Cafés und Coworking Spaces frequentiert.

Die Sehnsucht nach Gleichgesinnten ist dieselbe. Notebook und Smartphone ersetzen heute Notizbuch und Skizzenblock, aber der Rest bleibt im Wesentlichen gleich – nur dass von dieser Sehnsucht mit der steigenden Zahl von Selbstständigen wesentlich mehr Leute davon betroffen sind. Wir brauchen diese Orte der informellen Interaktion!:

Crowdinvesting: Das weltweite Finanzierungsvolumen 2017 wird für Beteiligungsfinanzierungen (equitybased Crowdinvesting) bei etwa € 3,735 Milliarden erwartet.Für Fremdfinanzierungen an Unternehmen und an Privatpersonen (lendingbased Crowdinvesting) wird das weltweite Transaktionsvolumen 2017 etwa € 100,2 Milliarden betragen, wobei der bei weitem überwiegende Anteil China, USA und Großbritannien betrifft.

In Deutschland und Österreich waren die Möglichkeiten aufgrund der Rechtslage (Bankwesengesetz, Kapitalmarktgesetz) stark begrenzt, haben sich aber mittlerweile stark verbessert. Das ist vor allem dem in Deutschland mit 10. Juli 2015 in Kraft getretenen Kleinanlegerschutzgesetz und dem in Österreich mit 1. September 2015 in Kraft getretenen Alternativfinanzierungsgesetz (AltFG) zu verdanken, die eine Nutzung alternativer Finanzinstrumente mittels öffentlich angebotener Kapitaleinlobungen auch für kleine und mittlere Unternehmen (KMU)einerseits und für die breite Masse der Kleinanleger (Crowd) andererseits ermöglicht.

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Daraus resultiert ein sprunghafter Anstieg, der auch vielen österreichischen Kreditinstituten aufgefallen ist. Einige haben klar erkannt, dass diese neue Finanzierungsart auch für ihr eigenes Geschäftsmodell von Nutzen sein kann, andere sind noch eher skeptisch und sehen sie als „Micky Maus-Finanzierung“ – die Zukunft wird zeigen, wer recht behält. Crowdinvesting ist nicht bloß eine neue Art der Unternehmensfinanzierung, es beinhaltet wesentlich mehr:

Vom Marketinginstrument – „Anleger werden Kunden, Kunden werden Anleger“ – über Regionalentwicklung – „Regionalität ist Beteiligungsmotiv – Nähe schafft Vertrauen und Bindung“ spannt sich der Bogen über „Demokratisierung des Kapitals – jeder kann direkt dabei sein“ weiter zu einer „Finanzierungsmöglichkeit ggf. auch in Sondersituationen“ und lässt sich schlussendlich zu einem „Wirtschaftsmotor für die Region bei gleichzeitig lukrativer Renditemöglichkeit für die Anleger“ als Win-Win-Win-Win-Kombination für Unternehmer, Anleger, kooperierende Banken und die gesamte Region bzw. in weiterer Folge Volkswirtschaft zusammenfassen.

Fazit: Coworking und Crowdinvesting bieten beide einen wesentlichen Mehrwert, der über die ursprüngliche Kernaufgabe (Arbeitsplatzvermietung bzw. Unternehmensfinanzierung) weit hinaus gehen. Beide sind abhängig von einer entsprechenden Community, die von den entsprechenden Charakteren der Initiatoren aber auch aller Stakeholder abhängt. Im Zeitalter der Sharing Economy sind sie jedenfalls wesentliche Eckpfeiler bei der Gestaltung einer zukunftsreichen „neuen Welt“. Gars am Kamp ist jedenfalls in vorderster Front bei beiden vertreten! Wer sich beteiligen möchte ist unter regionalfunding.at gerne gesehen.

Ing. Mag. Werner Groiß (Abgeordneter zum Nationalrat & Finanzsprecher der ÖVP) werner.groiss@parlament.gv.at www.werner.groiss.at

Quellen:

http://de.slideshare.net/carstenfoertsch/the-first-results-of-the-2017-global-coworking-survey
https://garagebilk.de/coworking-werte/
http://taz.de/!5149423/
http://www.deskmag.com/de/wie-man-die-community-ins-rollen-bringt-coworking-space-669/2
https://de.statista.com/outlook/377/100/crowdinvesting/weltweit#
https://de.statista.com/outlook/334/100/crowdlending/weltweit#market-globalTransactionValue
Fachverband Finanzdienstleister – WKO

Lusak Kommentar: Erfreulich wenn es im Nationalrat Abgeordnete gibt, die beruflich im Mittelstand tätig sind und sich nicht nur auf gesetzlicher Ebene sondern auch in der Praxis mit KMU-Themen und -Projekten beschäftigen. Ich verweise auf seine konkreten Umsetzungen unter  http://www.working-space.at/ und https://www.regionalfunding.at/projekte/69. Lobby der Mitte wird sich weiterhin  in allen Parteien auf die Suche nach engagierten KMU-Vordenkern und -Praktikern machen.