Für mich ist Josef Urschitz ein Redakteur und Mensch, der stets um Balance in seinen Kommentaren bemüht ist, ein Mensch der Mitte, der mit unendlicher Geduld immer wieder aufzeigt, warum parteipolitisches und damit machtpolitisches Kalkül die Politiker dazu bringt nicht zwischen guten und schlechten Entscheidungen, sondern zwischen parteikonformen und nicht parteikonformen Entscheidungen zu unterscheiden. Was natürlich und leider verheerende Folgen für unsere europäische Wirtschaft und Demokratie hat. Hier der neue Josef Urschitz-Kommentar, von DIE PRESSE – sehr gut recherchiert, sehr lesenswert!
Die Bürger von Schilda und ihre Klimaanlagen
Josef Urschitz (Redakteur und Kolumnist Economist DIE PRESSE)
| „Sind Klimaanlagen rechts?“, titelte „Der Standard“ neulich (wortgleich wie eine Reihe anderer europäischer Zeitungen übrigens). Zugegeben: Es war als Frage formuliert und bezog sich auf Frankreich, wo Marine Le Pen angesichts der herrschenden Affenhitze öffentlichkeitswirksam Klimaanlagen für Schulen und Krankenhäuser gefordert hatte und von den Grünen dafür unter anderem den Vorwurf des „Populismus“ kassierte. |
| Aber es zeigt sehr schön, auf welchem Niveau sich derzeit die Diskussion um die Energiewende abspielt: Die Grünen, die in vielen Ländern, darunter auch Österreich und Deutschland, die Energiewendepolitik der vergangenen Jahre ganz maßgeblich mitgestaltet haben, sind tatsächlich, nicht nur in Frankreich, sehr skeptisch gegenüber Klimaanlagen eingestellt. Wegen des hohen Energieverbrauchs. Dafür sind sie große Anhänger der Heizung mit Wärmepumpen im Winter. Wegen der Energieeffizienz. |
| Klimageräte sind technisch nichts anderes als Wärmepumpen, sagen Sie? Und im Sommer steht dafür klimafreundlicher PV-Strom ohne Ende zur Verfügung, für den dringend Abnehmer gesucht werden, während die Wärmepumpen an Winterabenden in sehr hohem Ausmaß mit fossil erzeugtem Strom laufen, außer natürlich im Atomstromland Frankreich? |
| Tja, das ist wohl so. Aber erklären Sie das einmal einem Politiker, der in links-rechts-Schemen und Freund-Feind-Kategorien denkt. Also: Wärmepumpen, die kühlen, sind nicht gut, zumal wenn sich eine rechtspopulistische Politikerin dafür ausspricht. Wärmepumpen, die heizen, gut. Merkts euch das endlich, wie ein österreichisches Regierungsmitglied in anderem Zusammenhang einmal entnervt ausgerufen hat. |
Extremer Strompreis |
| Aber im echten Leben ist eben, um einen anderen, schon länger zurückliegenden Stoßseufzer eines österreichischen Regierungsmitglieds zu zitieren, alles sehr kompliziert. Klimaanlagen helfen zwar, die netzstabilitätsgefährdenden PV-Überschüsse im Sommer ein wenig abzubauen, aber sie sind auch für ein anderes Phänomen mitverantwortlich, das in der Vorwoche die europäischen Strommärkte erschüttert hat: Die Börsenstrompreise sind in der heißen Vorwoche abends europaweit extrem auf noch nie gekannte Werte hochgeschossen. In der Spitze, in Belgien etwa, auf mehr als 1000 Euro pro Megawattstunde. Das ist ein schlapper Euro pro kWh. |
| Die meisten Menschen haben davon nichts gemerkt, weil sie einen fixen Strompreis zahlen. Jene mit flexiblen Tarifen aber schon. In Österreich kostete Strom in der teuersten Viertelstunde beispielsweise 85 Cent. Fesch! |
| Der Grund dafür ist – Achtung, Sie lernen jetzt vermutlich ein neues Vokabel – die „Hitzeflaute“: Am Abend verschwindet die Sonne hinter dem Horizont, der Wind flaut ab, die wegen der Hitze auf Volllast getrimmten Klimaanlagen und Kühlaggregate laufen aber unvermindert weiter. Das Tageslicht verschwindet ja, wie jeder feststellen kann, wesentlich schneller als die Tageshitze. |
| In stark auf PV und Wind getrimmten Energiesystemen tritt jetzt ein veritabler Strommangel auf, der die Preise durch die Decke schießen lässt. Theoretisch ist alles Paletti: Man muss in dieser Phase, die ja nicht unangekündigt hereinbricht, nur genügend Gas- und Kohlekraftwerke hochfahren. Das ist aus grüner Sicht nicht schön, weil vor allem Kohlemeiler jede Menge CO2 in die Luft blasen, aber die Alternative wäre eben der Netzzusammenbruch. |
| Nur: Die Betreiber dieser Kraftwerke, vor allem jene der langsamer reagierenden Kohlemeiler, tun dies nur äußerst widerwillig. Denn die Anfahrkosten sind (besonders bei Kohle) hoch. Und solche Kraftwerke benötigen um die 6000 Volllaststunden im Jahr, um profitabel zu sein. Werden sie nur dann verwendet, wenn es zu wenig Sonne und Wind gibt, womit sie auf maximal 1000 bis 2000 Volllaststunden kommen, machen sie schwere Verluste. Welcher Betreiber will das schon. |
| Da wächst übrigens das nächste riesige Subventionsfeld heran: Ohne Gaskraftwerke als Backup gibt es noch sehr lange keine Energiewende. Irgendjemand muss den durch Erneuerbare unrentabel gewordenen Einsatz dieser Kraftwerke aber bezahlen. Wer das sein wird, ist nicht schwer zu erraten: die Stromkonsumenten. So viel zum Thema sinkende Strompreise durch die Energiewende. |
| Wir haben also im Winter die teure Dunkelflaute, an Sommerabenden die teure Hitzeflaute und zwischendrin immer längere Phasen mit negativen Strompreisen, weil die PV-Tagesüberschüsse nicht verwertbar sind. Ein tolles Design für ein Energiesystem. Mit anderen Worten: Die Energiewende, so wie sie aufgezogen wurde, hat den Strommarkt vollkommen dysfunktional gemacht. Das heißt: den Markt eigentlich nicht. Der funktioniert ja, wie man an den irren Preisausschlägen beobachten kann. Aber das Stromsystem insgesamt, das immer dysfunktionaler und teurer wird. |
| So ist das eben, wenn man eine extrem flexible und schwer steuerbare Stromproduktion mit einem extrem unflexiblen Netz zusammenschaltet, ohne dieses zumindest gleichzeitig für die neuen Herausforderungen umzubauen. Das kommt jetzt aber nicht überraschend: Jeder mit ein bisschen Hausver… – pardon, ein ganz böses rechtes Wort, das mir da beinahe herausgerutscht wäre, also: mit ein bisschen technischem Sachverstand musste das genau so kommen sehen. Physik ist keine dunkle Geheimwissenschaft, sie basiert auf klaren, für jeden Mittelschüler einsehbaren Gesetzmäßigkeiten. |
| Dass Politiker, die eine primär ideologisch getriebene Agenda fahren, das nicht akzeptieren, ist klar. Dass die vielen technisch gebildeten Manager in der Stromwirtschaft, die das selbstverständlich wissen, da nicht schon längst aufgeschrien haben, weniger. Da war bisher wohl sehr viel karrieregetriebener Opportunismus am Werk. In sehr stark staatlich dominierten oder von staatlichen Aufträgen abhängigen Branchen ist es eben nicht sehr gesund fürs Weiterkommen, wenn man gegen die Regierungslinie opponiert. |
| Übrigens: In Deutschland, dem Land, in dem das berühmte fiktive Schilda angesiedelt ist, wurde in den vergangenen Tagen viel darüber gemosert, dass Frankreich mit seinen Atomkraftwerken nicht ausreichend geliefert hat, um den deutschen Hitzeflauten-Strompreis im Zaum zu halten. Das klingt jetzt wirklich nicht unlustig: Die Deutschen haben ja, wie wir wissen, ihre eigenen Kernkraftwerke ohne Not abgeschaltet. Und planen das übrigens auch mit ihren Kohlemeilern, die sie jetzt über das Hitzeloch gerettet haben. Und zwar wie bei den Kernkraftwerken unabhängig davon, ob es ausreichend ständig verfügbare Ersatzkapazität gibt. Denn von den vielen versprochenen neuen Gaskraftwerken ist ja noch nichts zu sehen. |
| Wie auch immer: Jetzt haben wir den Salat. Denn selbstverständlich ist es richtig, auf CO2-arme Stromerzeugung zu setzen. Aber selbstverständlich sollte man das so machen, dass nicht die Versorgungssicherheit und damit die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft den Bach hinuntergeht. |
Netze flexibilisieren |
| Eine verantwortliche Energiepolitik würde jetzt den Ausbau von PV und Wind erst einmal – vorübergehend – abbremsen und alle Ressourcen in die Flexibilisierung der Netze, des Verbrauchs und in den Ausbau von Speichern aller Art sowie Backup-Produktionskapazitäten stecken. Sie würde das Preissystem so gestalten, dass keine Fehlanreize – beispielsweise garantierte Einspeistarife bei Überproduktion – gesetzt werden und nicht länger teuren Träumen nachhängen. |
| Selbstverständlich ist ein CO2-armes Stromsystem möglich, selbstverständlich müssen PV und Wind darin eine tragende Rolle spielen. Aber Ziel muss ein resilientes Netz zu tragbaren Kosten sein. Beim Design dieses Systems müssen deshalb endlich Experten ran. Und nicht Subventionsjäger und politische Träumer aus Schilda. Das kann sich Europa nicht länger leisten. |
Eine nette Geschichte |
| Der Economist-Insider ist jetzt zwar schon ein bisschen länglich geraten, aber ich muss Ihnen noch eine nette Geschichte für unsere Kleinen erzählen: Neulich saß eine Familie rund um den Tisch, um dem Onkel zu lauschen, der eine Prognose zur erwarteten Wirtschaftsleistung der Familie im Jahr 2026 abgab. Der Onkel arbeitet beim Wifo, kennt sich da also aus. „Freut euch“, sagte der Onkel, „nach langer Durststrecke werdet ihr heuer ein Plus erzielen. Eure Wirtschaftsleistung wird nominell um 3,5 Prozent wachsen, real gibt das ein Plus von 0,9 Prozent.“ |
| Da freuten sich die Kinder alle sehr und wurden frohgemut. Nur der kleine Maxi, der immer so blöde Fragen stellt, schaute nachdenklich. „Habe ich das richtig verstanden, Wifo-Onkel“, sagte er, „wir haben unsere Familien-Wirtschaftsleistung um 18.500 Euro gesteigert, indem Papa 21.000 Euro zusätzlichen Kredit aufgenommen hat? Und wir nennen das „Aufschwung, wenn auch verhalten“? |
| Da wurden die anderen Familienmitglieder sehr böse. „Das Problem“, riefen sie aufgebracht, „ist nicht, dass Papa Geld ohne Ende hinaushaut und Schulden macht, als gäbe es kein Morgen. Das Problem bist du, Maxi, mit deiner Mieselsucht. Wie sollen wir jemals aus den Miesen kommen, wenn wir nur herumjammern und alles hinterfragen?“ |
| Eine schöne Geschichte, nicht? Mitten aus dem prallen Leben gegriffen! Wenn Sie wollen und gerade schlecht drauf sind, können Sie natürlich „Familien-Wirtschaftsleistung“ durch „BIP“ und „Kredit“ durch „Staatsschulden“ ersetzen, die genannten Zahlen mit einer Million multiplizieren – und dann Ihre Schlüsse ziehen. Ich tu das hier nicht. Man will ja nicht daran schuld sein, wenn wieder einmal wenig weitergeht. |
| In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen und vor allem fröhlichen Tag. |
| Josef Urschitz |
| josef.urschitz@diepresse.com |