SO MUSS DIGITALE SOUVERÄNITÄT

Am 26.8.26 hat 4future.foundation-Chef Werner Illsinger beim „SOMMERGESPRÄCH der engagierten Unternehmen“ im FORMDEPOT ein sehr, sehr bemerkenswertes Impuls-Referat gehalten (respektvoller & begeisterter Applaus von Wolfgang Lusak und allen Teilnehmerinnen). Diese Sommergespräch wurde von Lobby der Mitte, Schrenk Gruppe und der 4future.foundaition organisiert

SO MUSS DIGITALE SOUVERÄNITÄT (bei uns in die Tat umgesetzt werden)
von Werner Illsinger

Ich verkaufe genau das, worüber ich heute rede. Ich baue eine europäische Alternative zu Microsoft 365. Du darfst alles, was in den nächsten zehn Minuten kommt, entsprechend kritisch betrachten.
Ich habe davor achtzehn Jahre bei Microsoft gearbeitet. Ich kenne beide Seiten.
Microsoft macht hervorragende Produkte. Niemand hier macht etwas falsch, wenn er Microsoft 365 verwendet. Jeder von uns trifft eine vollkommen rationale Entscheidung.
Und gemeinsam fahren wir damit Europas digitale Wirtschaft gegen die Wand.

Der Finanzminister soll endlich …
Ich höre seit Jahren immer wieder denselben Satz. Zuletzt vor ein paar Wochen:
Der Finanzminister muss endlich dafür sorgen, dass die Digitalkonzerne Steuern zahlen.
Meine Antwort war: Wie soll er denn?
135 Staaten einigen sich auf eine globale Mindeststeuer. Die USA drohen mit Gegenmaßnahmen. Am Ende bekommen amerikanische Konzerne eine Sonderstellung.
Kanada führt eine Digitalsteuer ein. Die USA stoppen die Handelsgespräche. Kanada zieht die Steuer zurück.
Und jetzt schauen wir uns an, was in diesen beiden Fällen tatsächlich passiert ist.
Nichts.
Kein Zoll wurde eingehoben. Keine Maßnahme wurde vollzogen. Kanada wurde nicht bestraft – Kanada ist eingeknickt.
Es hat gereicht, dass alle wussten, was möglich wäre.
Das ist keine Drohung, über die man diskutieren kann. Das ist Erpressbarkeit. Und die wirkt am stärksten, solange nichts passiert.

Die absurde Zahl
Österreich hat übrigens auch eine Digitalsteuer. Fünf Prozent auf Onlinewerbung. 2025 hat sie ungefähr 137 Millionen Euro eingebracht.
Rechnen wir einmal zurück. 137 Millionen sind fünf Prozent von ungefähr 2,7 Milliarden Euro.
2,7 Milliarden Euro Onlinewerbung. Aus Österreich. In einem Jahr.
Nur Werbung. Keine Cloud. Keine Software. Kein Streaming. Kein E-Commerce.
Wir haben versucht, die gesamte Größenordnung abzuschätzen – digitale Leistungen, deren Wertschöpfung außerhalb Europas stattfindet. Wir kommen für Österreich auf sechs bis acht Milliarden Euro pro Jahr. Das ist eine Schätzung. Keine amtliche Statistik.
Und vielleicht ist genau das schon Teil des Problems: Wir wissen es nicht einmal genau.

Die eigentliche Absurdität
Wir holen also von Milliarden, die abfließen, 137 Millionen über eine Steuer zurück.
Und was passiert, sobald wir das tun?
Im August vergangenen Jahres hat der amerikanische Präsident öffentlich angekündigt: Länder mit Digitalsteuern oder Plattformregulierung bekommen zusätzliche Zölle – und Exportbeschränkungen auf amerikanische Technologie und Chips.
Im Juni dieses Jahres kam die Verschärfung: hundert Prozent Zoll auf sämtliche Waren jedes Landes, das eine Digitalsteuer einführt. Ausdrücklich mit Blick auf Europa. Ausdrücklich über bestehende Handelsabkommen hinweg.
Österreich hat diese Steuer seit sechs Jahren.
Das heißt: Für 137 Millionen Euro stehen möglicherweise die Warenexporte österreichischer Unternehmen in die USA zur Disposition. Und die 2,7 Milliarden, aus denen diese Steuer stammt, fließen unbehelligt weiter.
Auch hier muss nichts passieren. Es genügt, dass die Möglichkeit im Raum steht.
Und jetzt kommt das eigentlich Verrückte.
Es gibt einen viel größeren Hebel, gegen den kein Finanzminister kämpfen muss – und den niemand mit einem Zoll belegen kann.
Die nächste Bestellung von uns allen.
Niemand zwingt Dich, morgen dieselbe Software zu kaufen wie gestern. Es gibt keine Truth-Social-Nachricht gegen einen Einkäufer, der sich ein europäisches Angebot anschaut und kauft.
Dieser Hebel liegt nicht in Brüssel. Er liegt hier. Bei uns. Bei jedem Unternehmen in Österreich.

Wir haben es nicht einmal entschieden
Und seien wir ehrlich: Die meisten von uns haben sich nie für diese Abhängigkeit entschieden. Der Steuerberater wollte Excel.
Die Mitarbeiter kannten Outlook. Ein Kunde schickte eine Teams-Einladung. Dann kam OneDrive. Dann SharePoint. Dann die Cloud.
Und irgendwann lag das gesamte Unternehmen dort.
Es war nie eine falsche Entscheidung.
Es war gar keine Entscheidung.

Der Schalter
Und wenn ich sage, das ist eine strategische Abhängigkeit, höre ich meistens: Ja, theoretisch. Aber was soll denn passieren?
Drei Beispiele. Drei völlig verschiedene Anlässe.

Erstens. Ich habe Teile dieser Rede mit einem amerikanischen KI-Modell vorbereitet. Es ist gut, ich arbeite gern damit, und ich habe nicht vor, damit aufzuhören.
Am 9. Juni wurde ein neues Modell veröffentlicht. Drei Tage später ordnete die amerikanische Regierung an, dass kein ausländischer Staatsbürger mehr darauf zugreifen darf.
Nicht Russen. Nicht Chinesen. Ausländer. Alle.
Die Anordnung galt sogar für die ausländischen Mitarbeiter des Unternehmens in den USA. Der Anbieter konnte das technisch nicht trennen und nahm das Modell noch am selben Abend für alle vom Netz. Ohne Vorankündigung. Achtzehn Tage später wurde die Anordnung aufgehoben.
Sofort dazu: Der Anlass war eine Sicherheitsfrage, kein Handelskrieg.

Zweitens. Amsterdam Trade Bank. Niederländische Bank, russische Eigentümer, US-Sanktionen, April 2022.
Microsoft sperrt die Konten. Amazon kündigt an, die Speicherdienste einzustellen. Wenige Tage später ist die Bank insolvent – zu diesem Zeitpunkt beschrieben als solvent und gesund.
Und dann kommen selbst die gerichtlich bestellten Insolvenzverwalter nicht mehr an die Unternehmensunterlagen. Nicht an E-Mails. Nicht an Tabellen. Nicht an Vorstandsprotokolle. Ein niederländisches Gericht muss Microsoft zur Herausgabe verpflichten. Zehn Millionen Euro Zwangsgeld. Pro Tag.
Diese Bank hatte eine der besten Kanzleien des Landes. Wer von uns hat die?
Drittens. Neun Richter und Ankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, persönlich sanktioniert wegen der Ermittlungen gegen Netanyahu.
Bankkonten geschlossen. Kreditkarten gesperrt. Mailkonten weg. Einreise gestrichen. Einer Richterin verschwand ein gekauftes E-Book vom Gerät. Und Alexa hörte auf, ihr zu antworten.
Ich rede hier über Deine Software. Bei diesen Leuten ging es um Bargeld, um die Kreditkarte und um das Buch, das sie gekauft hatten. Ich behaupte nicht, dass Dir das auch passieren wird.
Ich sage nur: Wir haben gelernt, wie weit dieser Schalter reicht.
Du könntest jetzt sagen: Sanktionen, Sonderfälle. Richtig. Drei Sonderfälle, drei verschiedene Anlässe.
Der Anlass ändert sich.
Der Schalter bleibt derselbe.

Und jetzt das Unangenehme
Und damit sind wir wieder beim Anfang.
Es geht gar nicht darum, ob der Schalter betätigt wird.
Bei der Mindeststeuer wurde nichts betätigt. Bei Kanada wurde nichts betätigt. Es hat gereicht, dass er existiert.
Wir haben unsere Wertschöpfung dorthin verlagert. Und unsere Betriebsfähigkeit gleich mit. Beides in dieselbe Hand.
Das nennt man nicht Risiko. Das nennt man Erpressbarkeit.
Und die ist kein Ereignis, das eintreten kann. Die ist ein Zustand.

Management
Wenn jemand eine europäische Alternative vorschlägt, fragen wir sofort: Was kostet die Migration? Was kann schiefgehen? Was, wenn der kleine Anbieter zusperrt?
Alles richtige Fragen.
Aber wir rechnen den Wechsel als Risiko – und das Bleiben als Nullpunkt.
Bleiben ist nicht Null.
Und wenn ich die Wahrscheinlichkeit eines Lieferantenrisikos nicht seriös berechnen kann und die Schadenshöhe existenziell ist – was mache ich dann?
Ich diversifiziere.
Beim Getreide. Beim Strom. Bei den Banken. Bei jedem Rohstoff, den wir einkaufen.
Nur bei unserer gesamten digitalen Existenz nennen wir Single Sourcing plötzlich State of the Art.

Der europäische Zirkelschluss
Und jetzt der nächste vollkommen berechtigte Einwand: Die europäische Alternative ist schlechter.
Pause.
Manchmal stimmt das. Manchmal auch nicht.
Sie ist vielleicht unbequemer. Der Anbieter ist sicher kleiner. Vielleicht gibt es ihn in fünf Jahren nicht mehr.
Manchmal ist die Lösung auch besser, weniger komplex.
Die Frage ist aber:
Wie soll ein europäisches Unternehmen jemals besser werden als Microsoft, wenn wir erst bereit sind, sein Produkt zu kaufen, nachdem es besser geworden ist als Microsoft, wenn der andere Anbieter auch so groß ist wie Microsoft, so sicher?
Das ist ökonomisch unmöglich.
Ein Unternehmen braucht Kunden, bevor es groß ist. Es braucht Umsatz, bevor es investieren kann. Es braucht Vertrauensvorschuss, bevor es beweisen kann, dass dieses Vertrauen gerechtfertigt war.
Irgendjemand muss anfangen. Sonst wird sich nichts verändern.

Der Staat kann es nicht lösen
Und genau deshalb kann uns der Staat dieses Problem nicht lösen.
Er kann Forschung fördern. Er kann Infrastruktur finanzieren. Er kann vernünftig regulieren. Er kann selbst europäisch einkaufen.
Und ja – Regulierung ist notwendig. Aber Regulierung ist keine Industriepolitik. Von Regeln allein entsteht kein europäisches Microsoft.
Und Regeln die erfunden wurden, werden nicht einmal eingehalten. Es ist eigentlich unmöglich die DSGVO einzuhalten, wenn man seine Daten in einer beliebigen US-Cloud hat.
Der Staat kann keine Unternehmen großfördern, deren Produkte wir nicht kaufen.
Irgendwann muss jemand eine Entscheidung treffen, obwohl noch ein Risiko besteht.
Dafür gibt es einen Beruf.
Unternehmer.

Und was tue eigentlich ich persönlich?
Irgendwann musste ich mir selbst die unangenehme Frage stellen: Was tue eigentlich ich?
Ich kann schlecht Jahrelang über europäische digitale Souveränität reden und meine gesamte Infrastruktur in Amerika einkaufen. Wir hatten bis letztes Jahr einen Großteil unserer Infrastruktur auf Microsoft Servern in unserem Rechenzentrum.
Wir hatten zwanzig Office-365-Lizenzen im Abo.
Wir haben angefangen, das Fehlende zu bauen: 4future.one.
Ist es Microsoft 365? Nein. Soll es auch nicht sein. Es kann alles, was wir selbst benötigen. Sichere, verlässliche E-Mail, Dateiablage, Kommunikation im Team. Die Dinge die wir täglich brauchen. Alle unsere Veranstaltungen laufen über die Plattform.

Was sollten jeder von uns tun?
Und ich sage ausdrücklich nicht: Kündige Microsoft.
Ich verlange auch nicht, dass Du morgen Deine ganze IT umbaust.
Ich bitte um eine einzige Sache. Triff Deine nächste Entscheidung bewusst.
Die nächste Lizenz läuft aus. Die nächste Preiserhöhung kommt. Du brauchst ein neues Werkzeug. Schaue einmal, ob es eine Alternative gibt, die Dich unabhängiger macht.
Wenn sie Unsinn ist: Kaufe wie bisher. Aber schau wenigstens hin.
Wenn wir etwas anders wollen, müssen wir es ändern
Wir können nicht gleichzeitig beklagen, dass Europa keine digitale Industrie hat – und jeden verfügbaren Euro dafür verwenden, anderswo eine aufzubauen.

Der Staat kann uns nicht retten. Er kann uns helfen.
Entscheiden müssen wir.

Was müsste ein europäischer Anbieter bieten, damit Du überhaupt hinschaust?
Lass uns reden.

 

 

Illsinger lädt alle Interessierten und Engagierten Unternehmen, Wissenschaftsbetriebe und Verbände ein, bei dem Projekt „Policy Brief“ mitzuwirken. Er würde über „ein Feedback freuen, das technische Präzision, Verständlichkeit, möglichen Ergänzungen und politische Durchsetzung betrifft.“

Hier noch eine ausführlichere Fassung des Policy Briefs von Werner Illsinger: Digital-Standards-v1-summary.pdf

Werner Illsinger Kontaktdaten:

 

Ing. Werner Illsinger, MBA

Werner ist Unternehmens- und Organisationsberater, Wirtschaftspsychologe und Digitalisierungs-Experte mit Schwerpunkt auf Strategie und Leadership. Er verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung in der IT, davon 18 Jahre in internationalen Führungsrollen bei Microsoft sowie als Geschäftsführer einer Bankentochter und als Lehrender an der FH Kärnten. Sein Fokus liegt auf der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft, insbesondere im Spannungsfeld von Digitalisierung, Organisation, Führung und Innovation.

Telefon: +43 664 7996221 –  E-Mail: werneri@4future.business

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