CHINA EINBLICKE 2026
Norbert Leitners Reise ins Land der Mitte
Seit ein paar Tagen bin ich von einer anregenden, interessanten, spannenden, phantastischen, aber auch anstrengenden Chinareise wieder zurück in Österreich.
Die Reise wurde Dr. Jürgen Kurz, einem Gründungsmitglied der Deutschen Grünen initiiert. Er ist Elektroingenieur, hatte eine eigene Firma (elektronische Qualitätskontrolle für automatische Flaschenabfüllung) und bemüht sich jetzt im „Ruhestand“ interessierten und neugierigen Menschen China nahezubringen – und vielleicht das eine oder andere Vorurteil zu revidieren. Er lebt seit 26 Jahren in China, ist dort familiär verwurzelt und hat exzellente Landeskenntnisse und konnte die Entwicklung Chinas aus „erster Hand“ mitverfolgen. Schwerpunkt der Reise waren Besichtigungen von Betrieben und Einrichtungen, intensiver Kontakt zu regionaler Verwaltung und Politik inklusive.
Der Reiseveranstalter New Silk Road GmbH begleitete die Reise professionell und engagiert mit Dolmetschern – die auch schwierige technische und organisatorische Passagen zu übersetzten hatten. Sie brachten uns viele Details über Kultur, Geschichte und Mentalität der Chinesen nahe.
Der Ausgangspunkt der Reise war die Stadt Chengdu in Zentralchina, ca. 20 Mio. Einwohner.
Von dort ging es via Inlandsflug in die autonome Provinz Xinjiang, ganz im Westen von China. Diese Provinz war in den 1990er bis in die 2010er Jahre ein „Hotspot“ islamistischen Terrors. Ein Ziel der Reise war es auch, herauszufinden, wie es der uigurischen Minderheit heute geht bzw. wie es China gelungen ist, die Region zu befrieden.
Es ist eine Kurzinfo zur Situation in Xinjiang, wie die Reisegruppe sie erlebt hat. Zunächst allgemeine Fakten zur autonomen Provinz Xinjiang, geographisch Lage und zur Bevölkerung. Anschließend beleuchten wir kurz die „Zeit des islamistischen Terrors“ von 1990 bis 2016 und mit welchen Maßnahmen die Chinesen darauf reagiert haben. Weiter gehen wir kurz auf westliche Studien zur angeblichen „Zwangsarbeit“ für Uiguren ein sowie der westlichen Sanktionspolitik gegenüber Unternehmen und Personen aus Xinjiang.
Xinjiang umfasst eine Fläche von 1,6 Millionen Quadrat-Kilometern; das entspricht mehr als der Fläche von Deutschland, Frankreich und Spanien zusammen. Die autonome Provinz Xinjiang grenzt an acht Staaten, u.a. an Afghanistan und Pakistan. In der Provinz leben über 25 Millionen Menschen, davon ca.10 Mio. Han-Chinesen, ca. 12 Mio. Uiguren sowie die Volksgruppen der Mongolen, der Hui, der Kasachen, der Kirgisen, der Tadschiken u.a. Bis in die 1990er Jahre wurde „der wilde Westen“ Chinas infrastrukturell vernachlässigt. Das führte zu Defiziten im Bildungsbereich, hoher Arbeitslosigkeit etc. Diese ungünstigen ökonomischen Bedingungen förderten die Ausbreitung des islamistischen Terrors mit engen Kontakten zum IS bzw. einer eigenen Terrorgruppe IS-Khorasan. Es gab zahlreiche Attentate mit über 1000 Todesopfern und 10000 Verletzten.
Wie haben die chinesische Zentralregierung und die Provinzregierung darauf reagiert?
- Grenz- und Polizeikontrollen wurden massiv verstärkt
- Rädelsführer von Terroranschlägen wurden hart bestraft
- In den 2010er-Jahren wurden sogenannte Qualifizierungscamps eingerichtet, welche von westlichen Medien auch als Zwangslager bezeichnet wurden. Auch die chinesischen Behörden haben erkannt, dass es teilweise zu ungerechtfertigten Zwangsmaßnahmen gekommen ist. 2019 wurden die letzten Camps aufgelöst.
- Heute ist man zu einem Patensystem übergegangen. Chinesische Beamte (ehrenamtlich!!), aber auch Dörfer und Städte aus Ostchina übernehmen Patenschaften für uigurische Familien, Dörfer und Städte. Mit diesen Maßnahmen ist es gelungen, den Menschen vor Ort wieder eine ökonomische Perspektive zu geben.
- Gleichzeitig wurde es Angehörigen ermöglicht, politisch stärker zu partizipieren – sei es in der Provinzregierung als auch im Volkskongress. Es gibt aber kein Proporzsystem. Grundlage des persönlichen Weiterkommens sind Bildung und persönliches Engagement. China garantiert 15 Jahre kostenlose Bildung (inkl. Vorschule/Kindergarten)
Diese Informationen beruhen auf unseren Erfahrungen vor Ort, dem Augenschein und den Kontakt mit Behörden/Beamten etc. Wir haben mit vielen Menschen, Uiguren wie auch Han-Chinesen, aber auch anderen ethischen Minderheiten, von denen es über 40 in Xinjiang gibt (!) gesprochen. Die Reisegruppe konnte sich frei bewegen und hat auch kritische Fragen stellen können.
Ein weiterer Schwerpunkt war der ökologische Umbau der chinesischen Gesellschaft,
der sehr rasch voranschreitet und von einer sehr durchdachten Top-down Strategie begleitet wird.
Ein Ziel dieser Reise war es also, wie auch bei unserer ersten Tour, den ökologischen Umbau der chinesischen Gesellschaft kennenzulernen. Wie ernst es den Chinesen dabei ist und wie dieses Ziel von „höchster Stelle“ forciert wird, dokumentiert der Auszug einer Rede von Xi Jinping zu den „Grundsätzen für den Schutz der ökologischen Umwelt“, die er auf einer „Nationalen Konferenz für Umweltschutz“ am 18. Mai 2018 gehalten hat. Es ist aus unserer Sicht erstaunlich, wie strukturiert und lösungsorientiert China hier vorgeht, wie Xi dort argumentiert und welche Vorschläge und Wege er aufzeigt. Mir ist kein(e) verantwortliche(r) westlicher Politiker/in bekannt, von dem man ähnliches auch nur annähernd sagen kann.
Hier ist der Link zur Xi Jinping-Rede zu den „Grundsätzen für den Schutz der ökologischen Umwelt“ : https://en.qstheory.cn/2022-05/23/c_748602.htm
Strategie kann man halt schwer lernen und das haben die Chinesen drauf. Das muss man neidvoll anerkennen. Oder wie ein ehemaliger Kollege resigniert konstatierte: „bei uns muss man froh sein, wenn die Projekte nur Jahre brauchen – und nicht Jahrzehnte“
Wir haben uns mit mehreren Stadtverwaltungen ausgetauscht, haben Unternehmen besichtigt, die am ökologischen Umbau der chinesischen Gesellschaft beteiligt sind, Projekte erkundet, die durch Aufforstung und/oder Entsalzung der Gobi Landschaft bzw. der Wüste Taklamakan (ungefähr so groß wie Deutschland!) bebaubares Land gewinnt und dieser lebensfeindlichen Umwelt abringt. Der Boden der Gobi hat ca. 10% Salzgehalt. Die Chinesen haben ein Verfahren entwickelt, wie mit Entwässerung der Salzgehalt auf ein akzeptables Maß reduziert wird. Dann wird Humus aufgebracht und rasch wachsende Xinjiang-Pappeln werden gepflanzt, welche das Gebiet gegen Sandstürme aus der Gobi schützen. Wenn das Gebiet soweit ist, werden Äpfel, Kiwis, Feigen und weitere Früchte in Plantagen gepflanzt. Die Äpfel aus Akesu an der Seidenstraße sind berühmt – es gibt sogar eine eigene Apfelsorte (und einen daraus gewonnenen hervorragenden Calvados)!
Wir sind kilometerweit an Windparks vorbeigefahren, der weltweltgrößte davon produziert 20 Gigawatt (in der Region Gansu gelegen). Ebenso haben sich die Flächen von Photovoltaik endlos hingezogen.
In Turpan an der Seidenstraße konnten wir ein großes solarthermisches Kraftwerk besichtigen – die “zweite Sonne von Turpan“. Eine große Anzahl von Spiegeln konzentriert das Sonnenlicht auf einen Turm indem flüssiges Salz als Wärmetauscher und -speicher zirkuliert. Die Wärme verwandelt Wasser in Dampf und wird über eine Turbine zur Stromerzeugung geleitet. Große Photovoltaikfelder in der unmittelbaren Nähe ergänzen die Stromerzeugung.
Die schneebedeckten 7000er Berge, die wir bei einer Fahrt in das Pamirgebirge auf dem Karakorum Highway sehen durften, haben uns überwältigt, ebenso wie die Dünenlandschaft am Rande der Taklamakanwüste.
Von Dunhuang in der Provinz Gansu fuhren wir auf der historisch nördlichen Seidenstraße Richtung Westen nach Xinjiang.
Lukas, einer unserer chinesischen Reisebegleiter, durch dessen deutsches Reisebüro „New Silk Road“ die Reise organisiert wurde, wusste viel über den buddhistischen Einfluß auf die chinesische Entwicklung zu erzählen. Wir besuchten u.a. die Magao-Grotten die von buddhistischen Mönchen in der Zeit vom 4. – 12. Jahrhundert in den Sandsteinfelsen gemeißelt wurden, wie auch zwei Moscheen in unterschiedlichen Städten unserer Tour.
Die Reise endete wieder in Chengdu. Ich verbrachte noch einen zusätzlichen Tag in der Stadt verbracht und haben das berühmte Heinan-Teehaus im „Peoples garden“ besucht. Man kommt mit den Chinesen leicht ins Gespräch (mit Englisch, Handy und Händen/Füßen)
Im Flieger nach Wien befanden sich auch zahlreiche chinesische Reisende – von der Schwiegermama mittleren Alters bis zu eher hektischen Geschäftsreisenden. Ich fühlte mich wie liebenswürdig nach Hause begleitet.
Norbert Leitner
Norbert Leitner ist …. Bitte um kurze Selbstdarstellung
Norbert Leiner Life erleben (Vortragstermine):
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KURZES INTERVIEW mit NORBERT LEITNER:
Weil Norbert unserem Lobby der Mitte-Blog so einen großartigen Artikel gesendet hat, wollen wir ihm auch noch drei Fragen stellen:

- Hast Du Dich ein bisserl in China verliebt?
- Weist irgend etwas in China darauf hin, dass es auch heute zu Ausgleich, Balance und Mitte neigt? *) siehe unten
- Hast Du jetzt eine Ahnung, wie die Welt mit China in Frieden leben kann?
*) das Konzept von Yin und Yang stammt ursprünglich aus der chinesischen Philosophie (siehe „Buch der Wandlungen“ I Ging). Und Konfuzius sah in der „Mitte“ das höchste moralische und lebenspraktische Ideal, um im Einklang mit sich selbst und der Gesellschaft zu leben.