Die aktuelle Einschätzung der neuen „Industriestrategie“ der Regierung von LdM-Partner und Experte Werner Illsinger beweist sein unbestechliches Auge und die die offensichtlich nicht ganz ausgereifte Wirtschaftspolitik der Regierung
„Industriestrategie 2035 ist gut gemeint – aber strukturell wirkungslos“
Industriepolitik 2035: Warum Österreich an der falschen Stelle optimiert
Die Industriestrategie 2035 der Bundesregierung verfolgt ein nachvollziehbares Ziel: Sie will Wettbewerbsfähigkeit, Standortqualität und industrielle Wertschöpfung in Österreich sichern. Genau hier setzt auch unsere Analyse an – allerdings mit einer unbequemen Erkenntnis: Die Strategie optimiert eine wirtschaftliche Realität, die so nicht mehr existiert.
Industrie bleibt wichtig – aber nicht als Wachstumsmotor
Industrie ist für Versorgungssicherheit, Resilienz und technologische Kompetenz unverzichtbar. Doch sie ist nicht mehr der zentrale Treiber von Wohlstand, Innovation und Beschäftigung. Automatisierung, Robotik und KI entkoppeln industrielle Produktion zunehmend von menschlicher Arbeit. Produktivitätsgewinne entstehen heute nicht mehr durch mehr Industriearbeit, sondern durch Wissen, Daten und Systemintegration.
Die Strategie 2035 bleibt dennoch stark in einer klassischen Industrielogik verhaftet: Effizienzsteigerung, Kostenkontrolle, Exportfähigkeit. Das sichert kurzfristig Stabilität – erzeugt aber keine neue wirtschaftliche Dynamik.
Der blinde Fleck: Daten als Produktionsfaktor
Der zentrale Schwachpunkt der Strategie ist ihr Umgang mit Daten. Digitalisierung wird primär als Werkzeug zur Optimierung bestehender Prozesse verstanden. Daten selbst werden nicht als eigenständiger Produktions- und Machtfaktor behandelt.
Dabei entscheidet heute genau das über Wettbewerbsfähigkeit:
- Wer Daten kontrolliert, verkürzt Lernkurven
- Wer Wissen skaliert, setzt Standards
- Wer Plattformen betreibt, gewinnt Preissetzungsmacht
Europa – und damit auch Österreich – erzeugt enorme Datenmengen, verwertet sie aber überwiegend außerhalb des eigenen Wirtschaftsraums. Wertschöpfung findet dort statt, wo Daten, Plattformen und Kapital zusammenwirken – nicht dort, wo sie entstehen.
Mittelstand unter Druck durch falsche Rahmenbedingungen
Besonders problematisch ist diese Fehlsteuerung für den Mittelstand. Während Großkonzerne globale Plattformen nutzen oder eigene Datenräume aufbauen können, bleibt der Mittelstand oft reiner Anwender fremder Systeme. Damit verliert er nicht nur Wertschöpfung, sondern auch strategische Handlungsfähigkeit.
Eine Industriepolitik, die diesen Mechanismus nicht adressiert, verstärkt strukturelle Abhängigkeiten, anstatt sie zu reduzieren.
Was es jetzt braucht
Unsere Analyse zeigt: Zukunftsfähige Wirtschaftspolitik ist mehr als Industriepolitik. Sie muss drei Faktoren gemeinsam denken:
- Innovation (Wissen, Forschung, neue Geschäftsmodelle)
- Datenökonomie (eigene Datenräume, Plattformen, Skalierung)
- Energie (günstig, stabil, erneuerbar als Standortvorteil)
Industriepolitik bleibt notwendig – aber als nachgeordnete Stabilisierungsfunktion, nicht als zentrales Wachstumsversprechen.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wie wir Industrie effizienter machen, sondern:
Wie schaffen wir Rahmenbedingungen, in denen der Mittelstand Wissen, Daten und Innovation dauerhaft im eigenen Wirtschaftsraum halten kann?
Solange diese Frage nicht beantwortet wird, bleibt die Industriestrategie 2035 gut gemeint – aber strukturell wirkungslos.
Werner Illsinger
Werner ist Unternehmens- und Organisationsberater, Wirtschaftspsychologe und Digitalisierungs-Experte mit Schwerpunkt auf Strategie und Leadership. Er verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung in der IT, davon 18 Jahre in internationalen Führungsrollen bei Microsoft sowie als Geschäftsführer einer Bankentochter und als Lehrender an der FH Kärnten. Sein Fokus liegt auf der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft, insbesondere im Spannungsfeld von Digitalisierung, Organisation, Führung und Innovation.
Telefon: +43 664 7996221 – E-Mail: werneri@4future.business
Das veröffentlichte Papier des 4future.istitute ist hier zu finden:
https://4future.institute/industriestrategie