Zwischen Burnout & Entscheidungsfähigkeit – ein achtsames Streitgespräch

Am 7.5.26 erreichte mich ein Mail von meinem geschätzten Partner und Freund Werner Illsinger von der 4future.foundation zum Thema mentale Gesundheit, Burnout, demotivierende, sinnlos erscheinende und auch krank machende Arbeit bzw. Angestellten-Tätigkeit. Ich antwortete mit Zustimmung und Gegenvorschlägen. Jetzt haben wir uns schon je zwei Mal geschrieben.  Hier könnte sich ein liebevolles, achtsames Streitgespräch entwickeln, das es in sich hat und an dem sich gerne auch andere beteiligen können … bisher gibt es jetzt hier sechs Für- und Widersprüche …

Zwischen Burnout & Entscheidungsfähigkeit – ein achtsames Streitgespräch zwischen Werner Illsinger und Wolfgang Lusak, das fortgesetzt werden könnte

ERSTES MAIL:

Lieber Wolfgang,

was, wenn der Großteil der Menschen nicht mehr arbeiten kann – und/oder nicht einfach nicht will?

Die verfügbaren Studien zeichnen ein konsistentes Bild: Laut Deloitte fühlen sich viele Beschäftigte stark belastet bis hin zu Burnout-Risiken. Gleichzeitig zeigt Gallup seit Jahren, dass ein großer Teil der Menschen primär aus Notwendigkeit arbeitet – nicht aus innerer Motivation oder Identifikation.

Umgekehrt gilt: Menschen, die Sinn in ihrer Arbeit erleben und Wirksamkeit spüren, sind signifikant produktiver und engagierter. Interessant ist, dass diese Dynamik keineswegs neu ist. Bereits Douglas McGregor hat mit seiner Theory X/Y beschrieben, dass das Menschenbild von Führung direkt das Verhalten von Mitarbeitenden beeinflusst. Oder einfacher formuliert: Wie ich in den Wald hineinrufe, so hallt es heraus.

Wenn Führungskräfte davon ausgehen, dass Menschen grundsätzlich faul sind, dann gestalten sie Systeme, die Kontrolle, Misstrauen und Druck betonen. Und genau in solchen Systemen verhalten sich Menschen dann entsprechend.

Eine zweite Perspektive aus der Psychologie: Wer dauerhaft gegen eigene Überzeugungen und Werte arbeitet, erzeugt innere Spannungen. Diese bleiben nicht folgenlos – sie führen langfristig zu Erschöpfung, Zynismus und im Extremfall zu Krankheit. Vor diesem Hintergrund erscheinen hohe Burnout-Raten plötzlich nicht mehr überraschend, sondern systemisch erklärbar.

Vielleicht stimmt also beides – aber anders, als oft angenommen:

Menschen wirken unmotiviert, wenn sie in einem Umfeld arbeiten, das ihnen wenig Sinn, Vertrauen oder Gestaltungsspielraum bietet. Menschen werden krank, wenn sie dauerhaft gegen ihre eigenen Überzeugungen arbeiten müssen.

Das ist kein individuelles Versagen – sondern ein Hinweis auf die Gestaltung von Arbeit und Organisation.

Vielleicht ist das ein Denkanstoß für eine andere Sichtweise.

Liebe Grüße
Werner


ZWEITES MAIL:

Wolfgang Lusaks Antwort am gleichen Tag lautete:

Lieber Werner,

Danke für Deinen Text zum Thema mentale Gesundheit und Arbeitsmotivation. Ich schätze und respektiere Deinen Einsatz sowie Deine Argumente über den Zusammenhang von Leistungsbereitschaft und sinnvoller Tätigkeit, Deine sehr nützlichen Hinweise. Wir müssen den Zusammenhang Leistungsbereitschaft und sinnvoller Tätigkeit erkennen, aber auch genau betrachten.

Folgendem Satz von Dir möchte ich daher widersprechen: „Das (demotiviert und krank werden von Menschen durch eine ihnen sinnlos erscheinende Arbeit) ist kein individuelles Versagen – sondern ein Hinweis auf die Gestaltung von Arbeit und Organisation.“ Dieser Satz insinuiert, dass arbeitende Menschen keinen Einfluss darauf haben, welcher Arbeit sie nachgehen und wie ihre Arbeit gestaltet wird. Dass nur die Unternehmen daran Schuld sind, wenn die Mitarbeiter innerlich kündigen.

Ich sage: Die Arbeiter und Angestellten haben sehr wohl Einfluss darauf, sie tragen mit den Arbeitgebern und Arbeitgeberinnen eine gemeinsame Verantwortung:

  1. Viele Firmen-Chefs suchen händeringend „mitdenkende“ Angestellte, die ihre Arbeit und das ganze Unternehmen mitgestalten, die in ihrem Bereich „Verantwortung übernehmen“, die auch versuchen, das Gesamtziel des Unternehmens zu verstehen. Deshalb gibt es in Unternehmen Leitbilder, Mitarbeiter-Infos, Job Describtions, Ablauforganisation, Qualitätsmanagement usw. – aber viele KMU-Führungskräfte. Die alten Patriarchen und „Ich muss alles selber machen, sonst funktioniert es nicht“-Egomanen verschwinden und überlassen ihre Positionen Eignern und Führungskräften die mit verschiedenen Führungsstilen/Methoden wie z.B. wohl diskutierte/faire Zielvorgaben, Delegation, Management by … usw.
  2. Die Tricks und Scheinargumente, die von ideologisch extremen Interessenvertretungen und Lobbys wie Nebelbomben in die öffentliche Debatte über den Sinn der Arbeit geworfen werden, lähmen unser ganzes Wirtschaftssystem, führen zu Koalitionsregierungen, die nicht mehr in der Lage sind, zu Lösungen und Reformen zu kommen
  3. Alle Menschen können sich entscheiden, ob sie angestellt oder selbständig sein wollen. Aber: in einer desorientierten Welt der manipulierten Massen, wo in der Wirtschaftsbetrachtung alles in einen Hut geworfen wird, wo die meisten Studenten nach einem Staatsposten streben, wo Zugehörigkeiten wichtiger sind als eigenes Denken, Anspruchsdenken das Leistungsdenken dominiert und alle Unternehmer als profitgeile Ausbeuter desavouiert werden, kann kaum sinnvolles Arbeit entstehen. Das ist die Situation Europas.
  4. Alle Menschen haben die Freiheit, den Job zu wechseln und Firmen zu verlassen, die ihnen keine sinnvolle, motivierende Arbeit bieten. Ja, das ist nicht so einfach. Dennoch:
  5. Solange wir die Menschen nicht darüber aufklären, dass sie einen freien Willen haben. Solange die Menschen nicht bereit sind, sich im Sinne ihres freien Willen zu entscheiden, wohin ihr Weg geht. Solange werden si auch Mitverantwortung dafür tragen, dass ihnen ihr Arbeitsleben so öde und sinnlos erscheint.
  6. Es braucht einen Schulterschluss zwischen einer das Leben bejaenden, leistungsbereiten, verantwortungsvollen, an Selbstentfaltung interessierten Angestelltenschaft und einer ebenso orientierten Unternehmerschaft. Den Zusammenschluss der KMU mit aktiven Mitarbeitenden, die möglichst auch Anteile am Unternehmen halten – solche Firmen gibt es längst.
  7. Noch etwas verrückter: Vielleicht sollten wir die „grausame Knechtschaft“ des Angestellten-Daseins abschaffen, womit am freien Markt und ohne die alles behindernde Gewerkschaften einander nur noch Unternehmerinnen und Unternehmer begegnen, die frei entscheiden unter welchen Bedingungen sie gemeinsam Sinnvolles tun und arbeiten. Utopie? Vielleicht. Aber in der menschlichen Entwicklung darf Neues zu Denken nicht verboten sein.

Das alles gehört noch ausdiskutiert. Das ist die notwendige Annäherung von LdM und 4future.

Liebe Grüße
Wolfgang


DRITTES MAIL:

von Werner Illsinger

Lieber Wolfgang,

Ich verschließe mich der Argumentation nicht. Ich glaube es hat systemische Ursachen.

Wir haben damals Scientific Management erfunden (Taylor). Wir haben damals Menschen zu Maschinen erzogen – und wir tun es noch immer. Damals brauchten wir „Maschinen“, die funktionieren und tun, was man ihnen sagt.  (By the way – das tun wir mit unserem Schulsystem noch immer). Es gibt dazu eine schöne Studie die genau das Belegt – von George Land – die bräuchte ich aber gar nicht, weil ich sehe es ja, was auf den Fachhochschulen passiert.
https://finde-zukunft.de/blog/kreativitt-verlieren-nbspund-wieder-finden

Wir wundern uns dann, dass wir Menschen haben, die genau das tun – nicht mehr und nicht weniger. Die dann dabei unerfüllt sind und krank werden. Du und ich können es uns aussuchen. Die sprichwörtliche Billa Kassierin tut sich da sicher schwerer.

Die Welt hat sich geändert – wir bräuchten genau das Gegenteil von dem was wir produzieren – beschweren und dass wir das nicht bekommen, ändern aber das System nicht. (Danke für deine Vorschläge – denn die gehen tatsächlich an eine Systemänderung). Aktuell tun wir aber so als ob wir das System verändern (in die von Dir geforderte Richtung). Das einzige, was dann passiert ist, dass jene die vom System nicht gerade beglückt wurden in prekäre Beschäftigungsverhältnisse gedrängt werden und „neue Selbstständige“ sind. (Beispiel: Lieferando Fahrer oder Amazon Zusteller).

Es profitiert nicht jener der leistet (die Menschen arbeiten wirklich hart und viel) – sondern Jeff Bezos in Seattle. Wie können wir das verhindern?

Liebe Grüße
Werner


VIERTES MAIL:

Wolfgang Lusaks Antwort am gleichen Tag lautete:

Lieber Werner,

Ja, es stimmt, dass wir mit der industriellen Revolution Menschen mit Fließbandarbeit, Scientific Management und genauen Instruktionen wie Maschinen arbeiten ließen. Es war wohl auch willkommen, dass sie ihr Denken dabei abschalteten. Ganz abgeschaltet wurde es aber nicht, sonst hätte es keine sozialistische/kommunistische Revolution gegeben. Diese Revolution hat aber nicht nur geholfen, sondern auch den arbeitenden Menschen suggeriert,  „wir, die Gewerkschaft, holen Euch da raus, wir sorgen für Gerechtigkeit.“ Damit wurde wieder eine Gelegenheit geboten, Verantwortung und Entscheidung anderen zu überlassen. Das war auch eine „teile & herrsche“-Strategie, an dessen Ende die Arbeiterschaft daran gewöhnt wurde, sich auf die Gewerkschaft zu verlassen ohne viel Selbständigkeit und selbständiges Denken zu entwickeln. Was den Gewerkschaften bis heute recht ist.

Ich wundere mich nicht, ich weiß, dass wir Menschen haben, die keine Eigenverantwortung übernehmen und dabei unerfüllt sind und krank werden.  Und ja, die BILLA-Kassierin oder ähnlich wenig gebildete Menschen haben schlechte Karten. Es liegt in der europäischen Historie, dass Adel, Kirche und Reiche sich ganz gerne eine abhängige Klasse, die nichts lernt und denkt herangezüchtet hat.

Aber im Grunde haben sich immer alle – so wie wir – aussuchen können, was sie tun. Sonst wäre aus  Arbeitern, Bauernstand, Handwerkern, Dienstpersonal, Soldaten und Matrosen kein Bürgertum erwachsen, sonst gäbe es heute keine KMU, keinen Mittelstand. Die USA und starke Demokratie haben dort aus überwiegend Geflüchteten, Glücksrittern und auch Vertriebenen mit dem „amerikanischen Traum“ die Vision des „Aufstiegs aus eigener Kraft“ vorgegeben. Yes, we can: Europa wurde und wird übertroffen. Leider auch mit Monopolisten, die alles an sich raffen und die Welt beherrschen wollen. Leider auch mit links- und rechtspopulistischen Politikern in USA und Europa, die persönlich und für Ihre Clientel die Dominanz der reichen Investoren, Tech-Giganten und Börsenspekulanten mit ermöglicht haben.

Das möchte ich aufzeigen und nicht nur für Innovationen kämpfen, die weiterhin eine Plutokratie stärken, sondern für Innovationen aus der Mitte für alle. Wenn wir die Mitte nicht stärken, wird auch in Europa aus der Unfairness ermöglichenden Schachfiguren-Gesellschaft (siehe Artikel unten) rasch eine absolut autoritäre Kegel-Gesellschaft.

Natürlich sind mein Ziel nicht neue, im Prekariat arbeitende Selbständige, sondern eine neue Kultur der echten Balance zwischen den Menschen, eine Gesellschaft, die Reichtum und Armut nicht bekämpft, sondern gerechte Rahmenbedingungen für die leistungswillige Mitte schafft. In einer Runden Gesellschaft der Mitte.

Ich meinte einmal „das fehlende Glied zwischen den Affen und den Menschen sind wir“ (siehe https://www.wienerzeitung.at/h/blind-frohlich-geschaftig-wie-die-ameisen). Wir sollten uns weiterentwickeln …

Ich freue mich auf Deine Antwort.
Alles Gute,
Wolfgang

 

FÜNFTES MAIL:
von Werner Illsinger

Zur Mitte finden bedingt zu streiten. Das haben wir verlernt. Die Sichtweise der anderen verstehen und einen gemeinsamen Boden finden. Es ist nicht immer so wie es scheint. Das ist systemisches Denken. Je nach Standpunkt verändert sich die Sichtweise.

 

SECHSTES MAIL:
von Wolfgang Lusak

Fast ein Schlusswort: Es zeigt Ehrlichkeit, Durch- und Überblick und die Gelassenheit der Weisheit. Wenn wir so weiter machen,  werden wir weiterkommen. Allerdings wissen wir natürlich noch nicht so genau, wohin wir weiterkommen. Halt irgendwas mit Anstand, Hausverstand, Bestand & Veränderung zum Guten …

Das Leben ist schön.

 

———————————————————————————————————-
Mag. Wolfgang Lusak ist Obmann der unabhängigen „Lobby der Mitte“ und Lobby-Coach für Innovationsprojekte. In seiner Erzählung „Mein Herz schlägt in der Mitte“ www.herzindermitte.at  legt er ein Fünf-Punkte-Programm für die „Gesellschaft der Mitte“ vor

………………………………………………………………………………………………………

P.S.: Ich schreibe meine Kommentare und erstelle meine Reels prinzipiell aus Sicht der Mitte, die immer versucht eine Balance zwischen Links und Rechts, Arm und Reich, Jung und Alt zu halten.