Muss man wirklich überall vorne dabei sein? (von Josef Urschitz)

Sollen wir für oder gegen die stromfressenden und flächenverschlingenden Rechenzentren oder KI-Versorger internationaler Daten-Giganten in unserem Land sein? Wieder greift der stets um Balance und Weitblick in seinen Kommentaren bemühte Josef Urschitz  dieses Thema auf Basis einer guten Recherche, historischen Wissens und als um Europa besorgter Mensch und Journalist auf. Er wägt für und wider ab und bekennt sich schließlich zu … aber bitte schaut Euch das an, diesen neuen Josef Urschitz-Kommentar, von DIE PRESSE – absolut lesenswert! 

Mir und der Lobby der Mitte kommt das so vor wie die Wahl zwischen Pest und Cholera. Wenn wir diese Giga-Rechenzentren zulassen, dann zerstören wir noch mehr Natur und verstärken noch mehr den Klimawandel sowie unsere Abhängigkeit von US- oder China-Daten-Konzernen. Wenn wir sie nicht zulassen, dann verkommen wir noch mehr in unserer wirtschaftlichen Bedeutungslosigkeit, Wettbewerbs-Unfähigkeit und Innovationsschwäche, was genau das Gegenteil von dem ist, was Europa im 19. und 20. Jahrhundert so groß und stark gemacht hat. Was ist Eure Meinung?

Muss man wirklich überall vorne dabei sein?

Josef Urschitz (Redakteur und Kolumnist Economist DIE PRESSE)

Vor zwei Wochen gab es einen Kommentar über die extreme Technikfeindlichkeit im Lande am Beispiel der Proteste gegen das geplante Google-Rechenzentrum im oberösterreichischen Kronstorf zu lesen, der eine Reihe von Reaktionen ausgelöst hat. Die Oberösterreicher könnten sich mit ihrem Kampf gegen stromfressende und flächenverschlingende Rechenzentren als „Trendsetter“ im international wachsenden Widerstand gegen solche Zentren erweisen, hat es geheißen. Und, in einer Leserreaktion, man müsse nicht bei jeder Entwicklung ganz vorne dabei sein, es sei manchmal besser, Kinderkrankheiten abzuwarten, bevor man dann in eine fertige Technologie einsteigt.
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Das kann man natürlich so sehen und viele Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz, um die es beim derzeitigen globalen Rechenzentrumsboom geht, sind tatsächlich problematisch. Aber die Diskussion ist so richtig plakativ österreichisch. Denn die überall durchschimmernde Frage „za wos brauch ma des“ kommt einige Jahre zu spät. KI ist nichts, wofür man sich entscheiden oder nicht entscheiden könnte. Sie ist bereits mitten unter uns. Von der Redaktion über die Anwaltskanzlei, das Steuerberatungsbüro und die Investmentberatung in der Bank bis hin zum Autofahrer, der sich mit seinem Gefährt per Sprachbefehl unterhält: Diese Prozesse laufen unterdessen überall im Hintergrund mit, den meisten ist gar nicht bewusst, dass KI bei ihren Entscheidungen schon kräftig mitmischt. Und dafür enorme Rechenleistung benötigt.

Geist aus der Flasche

Das kann man in vernünftige Bahnen lenken, aber man kann es nicht verhindern. Den Geist bekommt man nicht mehr in die Flasche zurück. Der aktuelle Rechenzentrumsboom – es sind ja auch in Österreich neben Kronstorf noch mehrere weitere solcher Zentren in Planung – wird also nicht nur weitergehen, sondern bald noch ordentlich Fahrt aufnehmen. Selbst die EU, die in Sachen neue Technologien wirklich schon genug verbockt hat, springt jetzt auf diesen Zug auf.
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Das Problem, das viele nicht verstehen wollen, ist: Man ist bei solchen Entwicklungen entweder dabei, oder eben nicht. Mit allen Konsequenzen, weil man in letzterem Fall sehr schnell abgehängt wird. Und man ist bei solchen Entwicklungen entweder im Cockpit dabei, oder als Passagier. Letzterer ist von den Piloten vorne abhängig und denen eigentlich auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Das ist die Situation, in der Europa in der KI-Geschichte derzeit steckt: Die neuen Entwicklungen kommen aus den USA und zunehmend aus China, Europa beschränkt sich auf die Anwendung und zunehmend auf die Regulierung. In dem Punkt ist die EU nämlich wirklich unschlagbar. Nur nützt das nichts: Wer nicht mithalten kann, wird eben abgehängt und fällt in digitale Unsouveränität.
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Das ist nichts Neues. KI ist nicht die erste Technologie, bei der Europa nichts mehr mitzureden hat. Die gesamte europäische Wirtschaft läuft auf amerikanischer Software und vielfach über amerikanische Cloud-Server. Sehr vereinfacht gesprochen könnte Herr Gates mit einem Schlag sämtliche europäischen Büros zum Stillstand bringen, wenn ihn Herr Trump freundlich bittet, den unbotmäßigen Europäern Word, Excel und Outlook abzudrehen. Sehr beruhigend ist das aus europäischer Sicht nicht. In Sachen Militärtechnologie sogar höchst beunruhigend. Wir sagen nur „Kill Switch“.
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Vielleicht sollten Europäer und speziell die ganz besonders technik- und innovationsfeindlichen Österreicher einmal kurz darüber nachdenken, worauf ihr Wohlstand fußt. Ein kleiner Tipp: Nicht darauf, zu warten, bis sich andere mit schief gelaufenen Innovationen vielleicht erwürgen, sondern darauf, im Rennen um neue Technologien der Welt die Standards vorzugeben. Die gesamte industrielle Revolution basierte auf europäischen Erfindungen. Dampfmaschine, Webstuhl, Verbrennungsmotor, Auto, Eisenbahn. Europa war lange absolut führend im Maschinenbau, in der Elektrotechnik, in der Autoindustrie. Europäer setzten die Standards, waren den anderen in Sachen Innovation immer eine Nasenlänge voraus, dominierten die globalen Märkte.
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Irgendwann nach dem Zweiten Weltkrieg ist das gekippt. In der Raumfahrt und in der Kerntechnik dominierten erstmals andere. Und mit dem Beginn der digitalen Revolution hat sich Europa von der Weltspitze verabschiedet. Computer, Internet, Künstliche Intelligenz: Man muss ja nicht immer vorne dabei sein, nicht wahr? Parallel dazu kam eine extrem technikfeindliche Stimmung auf, geschürt von einem Bildungssystem, das in völlig weltfremde Fahrwasser abdriftete. In Deutschland gibt es unterdessen 173 Lehrstühle für Genderwissenschaften und nur 30 für Kerntechnik und Kernphysik, um ein krasses Beispiel zu nennen. Mehr muss man über die Prioritätensetzung eigentlich nicht wissen.
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Statt das Steuer herumzureißen und alles auf Innovation zu setzen, setzt die EU mit ihren überzogenen (teilweise unter dem Druck der Verhältnisse aber schon abgeschwächten) Green Deal-Vorhaben die letzten noch verbliebenen Vorzeigeindustrien unter Druck. Die reagieren mit Abwanderung. Nach China, in die USA, aber auch nach Osteuropa, wo sie bessere Bedingungen und ein innovationsfreundlicheres Klima vorfinden. Wobei nicht nur Produktionen, sondern auch Entwicklungsabteilungen abwandern. Das für seine grüne Entwicklung hierzulande so hochgelobte China beispielsweise ist dabei, die Verbrennungsmotorenentwicklung an sich zu ziehen. Hierzulande ist seit kurzem erstmals ein Mercedes-Modell mit einem in China produzierten Verbrenner unterwegs.
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Dramatische Entwicklung

Die Folgen sickern allerdings nur langsam zur Bevölkerung durch. Vieles lässt sich ja durch Schulden noch kaschieren. Die Entwicklung ist freilich dramatisch: Vor einem Vierteljahrhundert lagen die EU und die USA beim BIP gleichauf. Jetzt ist das US-BIP um mehr als 50 Prozent höher. Selbst wenn man berücksichtigt, dass Großbritannien damals noch EU-Mitglied war: Dieser Rückfall ist dramatisch. Unter den zehn größten Unternehmen der Welt findet man keine Europäer mehr. Unter den zehn innovativsten Unternehmen auch nicht.
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Wir können das jetzt natürlich kleinreden oder von der neuen Bescheidenheit in einer Degrowth-Wirtschaft träumen. Ich glaube aber nicht, dass vielen bewusst ist, welche Folgen für den Wohlstand und damit auch für die Sozialsysteme auf uns zukommen, wenn wir blauäugig nicht mehr überall vorne dabei sein zu müssen glauben.
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Übrigens: Der Staatschef von Burkina Faso, Ibrahim Traore, hat zu dem Thema kürzlich eine bemerkenswerte Rede gehalten. Jetzt ist es nicht so, dass sich der Herr zum großen Vorbild eignet: Traore ist ein eher übler Militär-Diktator, der findet, Demokratie sei nichts für Afrikaner. Er hat sich 2022 an die Macht geputscht und Burkina Faso ist eines der ärmsten Länder der Welt. Aber in einem hat er einen Punkt: Traore hat sich in besagter Rede bitter darüber beklagt, dass alle Erfindungen von Weißen gemacht wurden, dass sein Land und Afrika generell alles importieren müsse, dass seine Vorfahren nichts weitergebracht hätten. Und er hat als Ursache dafür unter anderem fortschrittsfeindliche Tendenzen in der Gesellschaft und im Bildungssystem verortet: Wenn seine Landsleute im Ausland studieren, dann überwiegend den Koran, hat er gemeint. Das werde er abdrehen, die sollen was Nützliches lernen, um das Land weiterzubringen. Da hat einer einen Mechanismus verstanden, der bei uns zunehmend in Vergessenheit gerät.
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In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen Tag.
Josef Urschitz
josef.urschitz@diepresse.com
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