Strategische Resilienz neu denken

Kürzlich fand im Parlament auf Einladung des ZRK (Zentrum für Risiko- und Krisenmanagement) und seines Vorstandsvorsitzenden DI Johannes Göllner, Msc eine bemerkenswerte und sehr tiefgehende Enquete zum Thema „Strategische Resilienz“ statt. Bei dieser Enquete kamen an die 70 Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Technologie, Verwaltung und Verbänden zusammen, um sich darüber auszutauschen, wie Österreich, Deutschland und die Schweiz (DACH) aber auch ganz Europa angesichts der dramatischen Krisen, Kriege, Ressourcen-Kämpfe und Digital-Entwicklungen wieder an Widerstandsfähigkeit, Krisenfestigkeit und Robustheit dazugewinnen kann. Lobby der Mitte war durch Wolfgang Lusak vertreten. Ein Perspektivenwechsel sowie ein Kulturwandel wurden gefordert: „Weg vom bloßen Reagieren auf Ereignisse, hin zu systematischer Vorbereitung, laufender Analyse und belastbaren Entscheidungsstrukturen“ Vier besonders wichtige Einzelbeiträge vertiefen zentrale Aspekte des Gesamtbildes der neuen Resilienz (unten mit den Links zu den Präsentationen). Zum Original-Bericht. Fotos von Robert Pelikan.

Strategische Resilienz neu denken: Erkenntnisse aus der 1. ZRK-DACH-Enquete im Parlament April 2026

Die 1. ZRK-DACH-Enquete „Strategische Resilienz“, die am 16. April 2026 im Parlamentsgebäude der Republik Österreich stattfand, machte deutlich: Resilienz ist längst kein Randthema mehr. Sie ist zu einer Schlüsselfrage für Staat, Verwaltung, Unternehmen, kritische Infrastrukturen und Zivilgesellschaft geworden. Dabei geht es nicht nur um die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen, sondern um die grundsätzliche Frage, wie vorausschauend, anpassungsfähig und handlungsfähig moderne Gesellschaften überhaupt noch sind.

Die Vorträge und die anschließende Diskussion zeigten, dass strategische Resilienz weit mehr ist als ein neues Schlagwort für Krisenmanagement. Sie betrifft technische Infrastrukturen ebenso wie Führungsstrukturen, politische Steuerung ebenso wie individuelle Vorsorge. Und sie verlangt einen Perspektivenwechsel: weg vom bloßen Reagieren auf Ereignisse, hin zu systematischer Vorbereitung, laufender Analyse und belastbaren Entscheidungsstrukturen.

Gerade darin lag die Stärke der Enquete. Sie verband operative Praxiserfahrung, analytische Modellbildung, organisationsbezogene Führungsfragen und gesellschaftspolitische Perspektiven. So entstand ein Gesamtbild, das Resilienz nicht eindimensional versteht, sondern als mehrschichtiges Zusammenspiel von Vorsorge, Steuerung, Kommunikation, Souveränität und Anpassungsfähigkeit.

Vom Stromausfall bis zur Systemfrage

Ein wesentlicher Ausgangspunkt der Veranstaltung war die Erkenntnis, dass Krisen selten völlig überraschend eintreten. Oft sind Risiken bekannt, Warnsignale vorhanden und Schwachstellen identifizierbar. Dennoch zeigt sich im Ernstfall immer wieder, dass Vorbereitung, Zuständigkeiten und Kommunikation nicht ausreichend greifen. Genau diese Lücke zwischen Wissen und Umsetzung zog sich wie ein roter Faden durch die Enquete.

Am Beispiel des Berliner Stromausfalls wurde sichtbar, wie rasch ein lokal begrenztes Ereignis strukturelle Defizite offenlegt. Dabei ging es nicht nur um Technik oder Einsatzmittel, sondern vor allem um Kommunikation, Priorisierung, Koordination und den Schutz vulnerabler Gruppen. Resilienz beginnt damit nicht erst bei der Störung selbst, sondern lange davor – in der Frage, wie Systeme geplant, geübt und geführt werden.

Zugleich wurde klar, dass Krisen nicht mehr isoliert betrachtet werden können. Technische, ökologische, politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen greifen ineinander. Lieferketten, Energieversorgung, digitale Abhängigkeiten, Mobilität, Verwaltungsfähigkeit und internationale Verflechtungen bilden heute ein Netzwerk wechselseitiger Abhängigkeiten. Wer Resilienz aufbauen will, muss daher in Zusammenhängen denken.

Analyse, Führung und gesellschaftliche Handlungsfähigkeit

Mehrere Beiträge der Enquete machten deutlich, dass strategische Resilienz eine methodische Grundlage braucht. Es genügt nicht, Einzelereignisse zu beobachten oder nachträglich Lehren aus Krisen zu ziehen. Erforderlich sind strukturierte Analysemodelle, mit denen komplexe Entwicklungen in ihrer Wechselwirkung erfasst, bewertet und vorausschauend bearbeitet werden können.

Ebenso zentral ist die Führungsfrage. In Krisenlagen reicht routinemäßiges Management nicht aus. Dort, wo Unsicherheit, Zeitdruck und hohe Komplexität zusammentreffen, braucht es klare Rollen, definierte Entscheidungsbefugnisse und trainierte Teams. Resiliente Systeme zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie fehlerfrei sind, sondern dadurch, dass sie mit Störungen umgehen, Entscheidungen treffen und sich an veränderte Lagen anpassen können.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der gesellschaftlichen Dimension. Resilienz ist nicht nur Sache von Behörden, Einsatzorganisationen oder Unternehmen. Sie hängt auch davon ab, wie gut Bevölkerung, Nachbarschaften und lokale Gemeinschaften vorbereitet sind. Internationale Beispiele zeigten, dass Information, Übung und Eigenverantwortung entscheidende Faktoren sind. Wo Menschen wissen, was im Krisenfall zu tun ist, steigt nicht nur die Handlungsfähigkeit, sondern auch die Souveränität im Umgang mit Unsicherheit.

Souveränität, Vorsorge und die Frage der Umsetzung

Gerade in der Abschlussdiskussion wurde deutlich, dass Resilienz eng mit Souveränität verbunden ist. Gemeint ist damit nicht nur staatliche Unabhängigkeit, sondern die Fähigkeit auf allen Ebenen, informiert, vorbereitet und entscheidungsfähig zu sein. Individuen, Organisationen und Staaten verlieren diese Fähigkeit dort, wo sie vollständig von funktionierenden Systemen abhängig sind, ohne Alternativen oder Notfalllogiken mitzudenken.

Dabei wurde auch ein grundsätzlicher Zielkonflikt sichtbar: Vieles, was zur Effizienz moderner Systeme beiträgt, reduziert gleichzeitig ihre Robustheit. Just-in-time-Logiken, Zentralisierung, Kostendruck und digitale Vollabhängigkeit schaffen im Alltag Bequemlichkeit und Geschwindigkeit, erhöhen aber im Krisenfall die Verwundbarkeit. Strategische Resilienz verlangt daher auch die Bereitschaft, Redundanzen, Vorsorge und Reservekapazitäten wieder als legitimen Teil verantwortungsvoller Planung zu verstehen.

Die Enquete machte zugleich klar, dass das nötige Wissen in vielen Bereichen vorhanden ist. Es mangelt weniger an Expertise als an Übersetzung, Verbindlichkeit und Umsetzung. Modelle, Werkzeuge und Erfahrungen existieren. Was vielfach fehlt, ist der konsequente Transfer in politische Entscheidungen, organisatorische Praxis und gesellschaftliche Kommunikation.

Vier Perspektiven auf strategische Resilienz

Die Enquete hat das Thema aus vier unterschiedlichen, aber eng miteinander verbundenen Blickwinkeln beleuchtet. Diese Einzelbeiträge vertiefen zentrale Aspekte des Gesamtbildes:

1. Lehren aus dem Berliner Stromausfall
Wie ein begrenztes Schadensereignis grundlegende Schwächen in Kommunikation, Koordination und Vorsorge offenlegt.
Zum Artikel:[Resilienz im Ernstfall – Lehren aus dem Berliner Stromausfall]

2. Warum Resilienz systemische Analyse braucht
Weshalb strategische Resilienz nicht ohne methodische Modelle, Vorausschau und interdisziplinäre Analyse gedacht werden kann.
Zum Artikel: [Strategische Resilienz braucht System – warum Analysemodelle wichtiger werden]

3. Warum Führung, Vorbereitung und klare Zuständigkeiten entscheidend sind
Wie Organisationen in Krisen handlungsfähig bleiben – und warum Resilienz lange vor der Krise beginnt.
Zum Artikel: [Strategische Resilienz beginnt vor der Krise – und entscheidet sich in der Führung]

4. Was die Diskussion über Souveränität, Eigenverantwortung und gesellschaftliche Realität gezeigt hat
Wie stark strategische Resilienz auch von politischer Kultur, Kommunikation und öffentlichem Bewusstsein abhängt.
Zum Artikel: [Zwischen Entscheidung, Souveränität und Realität – was Resilienz wirklich verlangt]

Es braucht einen Kulturwandel

Die 1. ZRK-DACH-Enquete hat eindrucksvoll gezeigt, dass strategische Resilienz kein Spezialthema für einzelne Fachbereiche ist. Sie ist eine Querschnittsaufgabe, die Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft gemeinsam betrifft. Wer Resilienz ernst nimmt, muss Risiken früher erkennen, systemischer denken, Zuständigkeiten klarer definieren und die Bevölkerung stärker als aktiven Teil der Vorsorge begreifen.

Vor allem aber braucht es einen Kulturwandel: weg von der Annahme, man werde im Ernstfall schon irgendwie improvisieren, hin zu einer Haltung der bewussten Vorbereitung. Denn Resilienz entsteht nicht im Moment der Krise. Sie entsteht davor – in Planung, Übung, Information und gemeinsamer Verantwortungsübernahme.

Link zu weiteren Events & Veröffentlichungen des ZRK

Info zum Veranstalter:
Zentrum für Risiko- und Krisenmanagement
Vorstandsvorsitzender DI Johannes Göllner
Redaktion: Robert-P. Pelikan

Reisnerstraße 5/Top 20a
1030 Wien
office@zfrk.org

Mobil: (+43) 650 225 29 91

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