Unser gespaltenes Herz

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Unser gespaltenes Herz

Der neue Lusak-Kommentar über das, was uns alle täglich bedrückt und Europa zerstören könnte

Unfassbar: Die Spaltung unsere Gesellschaft geht immer tiefer. Die rechts- und linksextremen Aufmärsche in Deutschland sind nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was ganz Europa droht. Wenn wir uns weiter in feindlichen Lagern einbunkern, dann werden wir uns letzten Endes bekriegen.

Die einen sehen im Mann-Frau-Kinder-Familien-Weltbild das natürliche Heil, die anderen in einer freien Wahl des Auslebens der jeweils selbst definierten Sexualität. Die einen sehen im zuwandernden strenggläubigen Patriarchat eine Gefahr für Frauen-Gleichstellung, ein friedliches Miteinander und die europäischen Werte und Demokratien, die anderen die große Chance auf ein neues multikulturelles Miteinander in Freiheit, Gleichheit, Toleranz und Weiterentwicklung. Die einen fordern eine verstärkte unser Werte prägende und Leistungs-orientierte Bildung, die anderen die Förderung individueller Talente und Entfaltungsmöglichkeit für zukünftig glückliche Menschen. Die einen wollen, dass sich Leistung wieder lohnt, die anderen ein bedingungsloses Grundeinkommen. Die einen wollen selbstbestimmte Menschen fördern, die anderen locken und unterhalten mit Brot und Spielen. Die einen beklagen in Demonstrationen die zunehmenden Messer-, Vergewaltigungs- und sonstigen Attacken, die anderen sehen in diesen Aufmärschen den gefährlichen Aufstieg rassistischer, fremdenfeindlicher und nationalistischer Kräfte. Es kämpft Willkommenskultur gegen Selbstverteidigung, politische Korrektheit gegen Meinungsfreiheit.

Achtung: Wer andere als Hasser bezeichnet ist oft selbst einer

Haben Sie es bemerkt? Jede, wirklich jede dieser Vorstellungen und Forderungen ist für sich gut erklärbar und nicht a priori böse. Erst mit der Zuordnung zu den Gegnern bekommt es eine hässliche, also zu hassende Herkunfts-Etikette wie einerseits Hetzer, Faschisten, Rechtspopulisten, Nazis oder andererseits Gutmenschen, Linkschaoten, Sozialschmarotzer, Täter-Schützer. Das Ganze erinnert auch sehr an Religions-Strategien: Eigene Dogmen werden verteidigt, Zugehörigkeits-Rituale praktiziert und Glaubensbekenntnisse heruntergebetet. Die Unfehlbarkeit der eigenen Vorstellung wird nie bezweifelt. Wie deprimierend.

Verschärfend kommt hinzu, dass sich dabei der Turbo-Kapitalismus immer auf die Seite der Stärkeren schlägt, so lange er seine Geld- und Börse-Systeme erhalten kann. Er kollaboriert sowohl mit Links- als auch Rechts-Populisten. Gier-Konzerne (es gibt auch andere) lieben Gesellschaften mit vielen sozial Schwachen, sie kaufen seine Massen-Produkte und arbeiten für wenig Geld. Und die ihm willfährigen Regierungen bekommen dafür „massenhaft“ Wähler-Mehrheiten. Der differenzierende, abwägende, verantwortungsvolle Mittelstand, Herz und Rückgrat der Gesellschaft, wird dazwischen erdrückt.

Bitte beginnen wir endlich mit einer offenen, fairen, vorurteilsfreien Diskussion der unterschiedlichen Positionen. Ohne Herabwürdigung und Ausgrenzung der jeweils anderen. Versuchen wir uns zu verstehen, hören wir uns zu. Im alten China mussten die angehenden Spitzen-Staatsbeamten (Mandarine) in Widerspruchs-Spielen die Argumente des jeweiligen Kontrahenten so lange wiederholen, bis der sagte, ja, so habe ich es gesagt und gemeint. Damit musste er die andere Position echt verinnerlichen, war erst dadurch zu Verständnis und Annäherung fähig. Machen wir es endlich auch so.

Bundespräsident und Bundeskanzler gefordert

Beginnen sollten damit der Bundespräsident, der Bundeskanzler, der Vizekanzler und natürlich auch die Opposition, so schwer es auch fällt: Sie sind alle von Amts wegen Vorbilder, sollten jede Äußerung vermeiden, welche vermuten lässt, dass sie einer der beiden Extrem-Positionen nahe stehen, dass sie nur ihre Kernwählerschicht ansprechen wollen, dass sie nur ihrer gewohnten politischen Richtung folgen. Auch die Experten, Journalisten, Meinungsbilder sind gefordert, ihre ursprünglichen Zugehörigkeiten abzulegen und neu, also so objektiv wie möglich, so offen wie möglich zu denken, zu schreiben und zu sprechen. Ja, das klingt sehr nach Utopie. Aber diese Utopie ist die beste Alternative zu einer Realität des Hasses und der Spaltung.

Machen wir es den echt Weisen, den gelassenen Philosophen, den geschulten Mandarinen nach. Sonst geht der Spalt durch unser Herz.

Mag. Wolfgang Lusak ist Unternehmensberater, Lobby-Coach, Mittelstands-Aktivist und Gründer der Lobby der Mitte: www.lusak.at (Lusak Consulting) bzw. www.lobbydermitte.at (Lobby der Mitte)